Wie sprechen wir Menschen unterschiedlicher Lebenswelten an? Der zweite Trialog befasste sich mit Angeboten im Sozialraum. Daran mitgewirkt haben Detlef Boie (Horn), Uschi Hoffmann (Veddel), Petra Thiel (St. Georg) und Ute Warringsholz (Billstedt). Wie lassen sich sozialräumliche Angebote so gestalten, dass Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten sich davon angesprochen fühlen? Wie können diese Angebote Begegnung im Quartier fördern? Und was ist das Gemeinsame in der Vielfalt der Kulturen, Religionen und Lebensentwürfe, das sich dabei entdecken lässt? Und schließlich: Was bedeutet die Corona-Krise für diese Angebote?

Ursprünglich sollte der zweite Trialog des Projekts „Lebenswelten im Dialog – Glaubens- und kultursensible Praxis in Hamburg-Mitte“ am 18. März 2020 im Rauhen Haus stattfinden. Just in jener Woche begann jedoch der Corona-Lockdown. Wir konnten deshalb nur einen kleineren Kreis als geplant einbeziehen. Dabei konzentrierten wir uns auf Sozialraum-Angebote mit unterschiedlichen Schwerpunkten in vier Stadtteilen.

Hier kommen besonders Menschen in den Blick, die neu im Stadtteil sind oder sich in kritischen Lebenssituationen befinden, wie zum Beispiel nach einer Flucht. Sie müssen sich zunächst in ihrem alltäglichen Handeln in ihrem sozialen Umfeld autonom und sicher fühlen. Erst danach kann der erste Schritt vom Ich zum Wir gelingen und sie können sich für die Teilhabe am sozialräumlichen Leben öffnen. Idealerweise erfahren sie dabei Zugehörigkeit, emotionale Zuwendung und Wertschätzung ihrer Fähigkeiten in gemeinsamen Aktionen. Dann erleben sie sich als Teil dieses „Wir“, an dessen Gestaltung sie mitwirken.

Gelingt diese Teilhabe nicht, drohen Gefahren für das gesellschaftliche Zusammenleben, wie wir sie in unserem ersten Trialog beschrieben haben. Dort setzten wir uns mit der schwierigen Kommunikation mit zurückgezogen lebenden, sich abgrenzenden Familien und dem Themenfeld Fundamentalismus auseinander.

Die Erfahrungen und Einschätzungen der Teams aus St. Georg, Billstedt, Horn und von der Veddel zeigten weitgehende Übereinstimmung, wie sich Teilhabe fördern lässt. Wir haben sie in acht Empfehlungen zusammengefasst.

  1. Auf die ersten 30 Sekunden kommt es an: So fühlen sich alle willkommen

Damit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Glaubensvorstellungen sich begegnen, Spaß haben, aktiv werden, eine Gruppenidentität entwickeln, gemeinsame Ziele verfolgen und solidarisch für andere eintreten, benötigen sie zunächst einmal Räume, die einladend auf sie wirken. Wo niemand nur anonymer Besuch ist, sondern alle dazugehören. Solche zur Begegnung einladenden Räume entstehen, wenn das Team davon überzeugt ist und mit genau dieser Haltung arbeitet. In dieser Willkommensstruktur stehen unterschiedliche Glaubensvorstellungen und Herkunft nicht im Vordergrund.

  1. Angst und Ablehnung entgegenwirken: Die Chancen des sozialräumlichen Angebots

Werden Menschen, die aus verschiedensten Gründen Angst vor Ablehnung haben, ermutigt, das sozialräumliche Angebot in ihrem Quartier zu nutzen, und erleben sie dort, in den eigenen Vorstellungen akzeptiert und wertgeschätzt zu werden, ohne Anpassungserwartung, so können sie diese Angebote annehmen und für sich nutzen. Wenn sie dabei niedrigschwellig in Kontakt mit „Fremden“ kommen, können sie auch bisherige anonyme Gruppenbilder und Zuschreibungen hinter sich lassen. Stattdessen treten Interessen in den Vordergrund, die sie mit anderen Menschen im Stadtteil teilen, z. B. die Sorge für die Kinder, das Interesse am lokalen Sportangebot etc. Die Fachkräfte vor Ort können dies im Sinne der Inklusion unterstützen, indem sie die unterschiedlichen Bedürfnisse wahrnehmen und benachteiligten Gruppen mehr Teilhabe ermöglichen, z. B. an institutioneller Förderung von Jugendarbeit.

  1. Begegnung, aber auch Nebeneinander: So entsteht ein Lernraum für alle

Wenn Menschen ein Angebot in ihrem Sozialraum nutzen, teilen sie dabei Ressourcen und erleben gemeinsamen Alltag. Dies gilt selbst dann, wenn unterschiedliche (religiöse) Gruppen Feste feiern und dabei unter sich sein wollen – unter einer Voraussetzung: Sie sind grundsätzlich kooperativ. Das bedeutet, alle Gruppenmitglieder respektieren die Regeln des Ortes und sind – außerhalb ihrer Feier – offen für Austausch und Begegnung.

  1. Teilhabe und Inklusion: Gefördert durch Glaubens- und Kultursensibilität

Ein von Offenheit und Neugier getragenes, glaubens- und kultursensibles Team ermöglicht gelingende Begegnung: Dazu braucht es die Bereitschaft, sich einzulassen auf Neues, also Veränderungsbereitschaft, aber auch das Wissen darüber, wo die eigenen Grenzen sind. Immer wieder muss die eigene Haltung reflektiert werden. Alle sind gefordert, andere Lebensentwürfe zu akzeptieren und Wertschätzung auch Andersdenkenden, Andersglaubenden gegenüber zu zeigen.

Reibungen und Konflikte, die im Team und auch mit Nutzerinnen und Nutzern unweigerlich entstehen, lernt man dabei zu erkennen, auszuhalten und konstruktiv damit umzugehen, Kompromisse zu suchen. Das Wichtigste dabei: im Team im Gespräch darüber zu bleiben und Neugier und Offenheit zu bewahren.

  1. Das Verbindende: Die gemeinsamen Interessen der Nutzerinnen und Nutzer

Bei allen Unterschieden verbindet die Menschen in einem Stadtteil vieles. Natürlich der gemeinsame Wohnort, aber oft auch die Lebenssituation: Familien beispielsweise haben über ihre Kinder gemeinsame Themen wie Erziehung, Schule, Kita. Sie haben Bedürfnisse, etwa an Freizeitangeboten in der Nähe. Gemeinsam ist ihnen der Wunsch, dass die eigenen Kinder unter guten Bedingungen aufwachsen. Daraus lassen sich Ziele formulieren, die eine Gruppenidentität schaffen. Diese entsteht auch über Freizeitaktionen, Ferienprogramme, Feste und offene Angebote, bei denen man sich trifft, ohne sich verabreden zu müssen.

  1. Diversität als Ressource im Sozialraum: Strukturelle Voraussetzungen

Ziel muss es sein, dass sich die Diversität im Stadtteil bei den Nutzerinnen und Nutzern der sozialräumlichen Angebote wiederfindet. Es braucht Angebote, die sich an den Lebenswelten der Bürgerinnen und Bürger orientieren, und die Kompetenz, diese in all ihrer Unterschiedlichkeit anzusprechen und einzubeziehen. Deshalb ist Glaubens- und Kultursensibilität bei dieser Arbeit von grundlegender Bedeutung.

Orte im Stadtteil, die allen Menschen offen stehen, deren Angebote weitgehend kostenlos sind, kontinuierlich verfügbar und mit Teams, die mit Diversität kompetent umgehen und Austausch und Begegnung professionell fördern – das sind wertvolle Ressourcen.

Es gibt Rahmenbedingungen, die mitentscheiden über ihren Erfolg. Die Räume liegen idealerweise mitten im Quartier, nicht abseits. Cafés, Treffpunkte und Begegnungsstätten benötigen lange Öffnungszeiten, starke personelle Präsenz und langfristige Perspektiven. Gerade in Stadtteilen mit hoher Diversität ist ein auf Dauer angelegtes Angebot, zu dem auch leicht erreichbare Beratung gehört (keine komplizierten Sprechzeiten und Anmeldeprozesse), entscheidend für den Erfolg. Einengende Konzepte und Zielvorgaben wirken kontraproduktiv. Die Finanzierung sollte nicht auf eine eng gefasste Zielgruppe oder bestimmte Themen festgelegt sein.

  1. Kooperation, Partizipation: Teilhabe in den Strukturen verankern

Das sozialräumliche Angebot geht auf die Besucherinnen und Besucher, ihre aktuellen Themen und Bedürfnisse ein, greift Neues auf, verändert sich entsprechend. Zwei Faktoren helfen dabei: Erstens ein Team, das selbst von Diversität geprägt ist und darüber auch intern glaubens- und kultursensibel im Dialog ist. Zweitens die Beteiligung der Nutzerinnen und Nutzer an der Weiterentwicklung des Angebots: durch Kooperationen, durch Beteiligung an Planungen, durch Präsenz in Gremien. Diese Partizipation bringt das Miteinander voran, hilft, die Angebote aktuell und attraktiv zu halten, und stößt Veränderungen an. Sie verändert auch die Kommunikation miteinander, die sensibler und rücksichtsvoller wird. Es kann schwierig sein, Menschen zu erreichen, die bisher wenig Erfahrung mit Beteiligung und Mitsprache haben. Dabei helfen kreative Formen: Wünsche in Bildern oder Skulpturen ausdrücken, Plakate malen, ein Theaterstück mitgestalten oder Musik machen.

  1. Kontakt halten: Sozialräumliches Arbeiten in der Corona-Pandemie

Der Lockdown im Frühjahr 2020 hat die sozialräumlichen Angebote schwer getroffen. Sie leben ja gerade vom direkten Kontakt, von gemeinsamen Aktivitäten und Festen. Die Teams sind in Sorge, dass Menschen durch den coronabedingten monatelangen Rückzug aus dem öffentlichen Leben einander wieder fremd werden, den Schritt über die Schwelle eines Stadtteilzentrums erneut scheuen, errungene Teilhabe verloren geht.

Die Einrichtungen haben deshalb mit viel Energie Kontakt zu Nutzerinnen und Nutzern gehalten, telefonisch, per Mail, mit Aushängen und kreativen Ideen. Manche Nutzergruppen waren mit Online-Angeboten gut zu erreichen, viele jedoch nicht. Diese Angebote sind kein Ersatz für den direkten Kontakt vor Ort, für die Möglichkeit, dort mit anderen Menschen zusammenzutreffen. In der Pandemie, angesichts von zunehmender Arbeitslosigkeit und Bildungsungerechtigkeit sind Angebote, die sich an alle im Stadtteil richten, sogar noch wichtiger geworden. Die Einrichtungen haben, sobald dies möglich war, ihre Türen wieder geöffnet. Sie haben Schutzkonzepte und Hygienemaßnahmen entwickelt, um ihre Angebote so zu gestalten, dass Nutzerinnen und Nutzer vor Infektionen geschützt sind, sich sicher fühlen und die sozialräumliche Arbeit unter Berücksichtigung der aktuellen Lage wieder anläuft.

Autor*innen-Info:

Detlef Boie

Fachbereichsleiter Teilhabe mit Assistenz, Arbeit und Bildung im Rauhen Haus. Er vertritt die Stiftung in der Horner Freiheit, dem Stadtteilhaus Horn, das von mehreren Institutionen gemeinschaftlich geführt wird, und leitet ein inklusives Team.

Uschi Hoffmann

Leiterin der Stadtteildiakonie Veddel. Die Kirchengemeinde auf der Veddel ist Kooperationspartner des Projekts „New Hamburg“: Zusammen mit dem Deutschen Schauspielhaus und dem Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost werden seit 2014 Theaterproduktionen auf der Veddel realisiert.

Petra Thiel

Leiterin des SCHORSCH im IFZ in St. Georg.

Ute Warringsholz

Sozialpädagogin im Kifaz Dringsheide in Billstedt.

Hier finden Sie die Handreichung von Michael Tüllmann zur existenziellen Bedeutung sozialer Räume bei der Förderung von Teilhabe zum Download: „Wo Menschen sich anerkannt und zugehörige fühlen.“